Predigt zum Gründonnerstag
am 20. März 2008
Autor: P.Heribert Graab S.J.
Lange Zeit habe ich die Ereignisse,
die wir in diesen Tagen feiern,
als etwas betrachtet, das kontinuierlich aufeinander folgt.
Ich denke, viele von uns tun das:

Heute abend gedenken wir des Paschamahles,
das Jesus mit Seinen Jüngern feierte.
Wir erinnern uns auch, daß Er im Verlauf des Abends
Seinen Jüngern die Füße wusch,
was sonst nur die Sklaven tun.
Es folgt die Nacht Seines einsamen Gebetes
im Garten Getsemani, wo Er auch verhaftet wurde.
Morgen spielt sich dann dieser demütigende Prozeß ab -
zunächst vor dem Hohen Rat und schließlich vor Pilatus.
Unmittelbar anschließend schleppt man Ihn
hinaus vor die Stadt zur Hinrichtungsstätte.
Bereits in den Nachmittagsstunden
wird Jesus dann ans Kreuz geschlagen und stirbt.
Es folgt die Abnahme vom Kreuz
und die eilige Bestattung in einem Felsengrab.
Das war‘s!

Am Samstag - die Jünger und Freunde Jesu sind zerstreut
und ganz und gar versunken in Trauer und Entsetzen -
geben auch wir uns in stillem Gedenken der Trauer hin...

Bis am frühen Ostermorgen dann
ein unerwartet neues Kapitel aufgeschlagen wird:
Christus ist auferstanden von den Toten! Er lebt!
Zuerst die Frauen und so nach und nach auch viele andere
sind Ihm begegnet
und haben die frohe Botschaft weitergetragen -
bis auf den heutigen Tag.

Irgendwann habe ich dann verstanden,
daß dieses historisierende Nacheinander
nicht wirklich unserem Glauben entspricht.
Vielleicht hat einen Anstoß zu dieser Erkenntnis gegeben,
daß die Kirche die drei Tage, die heute Abend beginnen,
zusammenfaßt unter der Bezeichnung
„Die drei österlichen Tage".
„Ostern" ist also nicht erst am Sonntag!
„Ostern" beginnt heute Abend!

Der „Introitus", also der offizielle Eröffnungsvers
des Gründonnerstags lautet:
„Wir rühmen uns des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus.
In Ihm ist uns Heil geworden und Auferstehung und Leben.
Durch Ihn sind wir erlöst und befreit."
Da ist also heute Abend schon die Rede vom Kreuz,
und zwar vom Kreuz, dessen wir uns „rühmen" dürfen,
vom österlichen Siegeszeichen also.
Und von Auferstehung und Leben ist die Rede.
Da wird heute schon Ostern gefeiert!

Ähnlich begreift morgen die Liturgie des Karfreitags
das schreckliche Geschehen von Ostern her.
„Durch das Leiden Deines Sohnes hast Du den Tod vernichtet",
heißt es im Eröffnungsgebet.
In der Lesung leuchtet schon das Licht des Ostermorgens auf:
„Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht!"
„Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht!"

Sozusagen als Einstimmung auf die Passionsgeschichte
singen wir:
„Herr Jesus, Dir sei Ruhm und Ehre!"
„Christus ward für uns gehorsam bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat Ihn Gott über alle erhöht
und Ihm einen Namen gegeben,
der größer ist als alle Namen."

Umgekehrt ist auch in der Feier der Osternacht
das Kreuz ständig präsent:
„Durch Seine heiligen Wunden,
die leuchten in Herrlichkeit,
behüte und bewahre uns Christus, der Herr."
Bei der Weihe des österlichen Taufwassers
erinnert die Kirche uns:
„Als der Herr am Kreuz hing,
flossen aus Seiner Seite Blut und Wasser."
Im Gabengebet heißt es:
„Diese österliche Feier hat ihren Ursprung
im (Kreuzes-)Opfer des wahren Osterlammes."
Und im großen Dankgebet der Präfation:
„Durch Seinen Tod hat Jesus Christus unseren Tod vernichtet
und durch Seine Auferstehung das Leben neu geschaffen."

Tod und Auferstehung bilden eine Einheit!
Wir feiern immer beides -
am Karfreitag so gut wie am Ostertag.
Wir feiern beides auch heute Abend schon.
Mehr noch:
Wir feiern beides jedesmal, wenn wir der Einladung Jesu folgen:
„Tut dies zu meinem Gedächtnis!"
Wir feiern beides als eine Einheit -
jedesmal wenn wir das Abendmahl, das Herrenmahl,
die Eucharistie, die heilige Messe feiern.

Über das Brot spricht der Priester mit den Worten Jesu:
„Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird" - am Kreuz!
Über den Wein spricht er:
„Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes,
mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird."

Da ist also heute abend schon
nicht nur einfach diese Person Jesu Christi
unter den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig.
Da ist vielmehr das ganze österliche Geschehen präsent:
Die Hingabe Jesu am Kreuz
und Seine Auferstehung in das neue Leben mit Gott.
Unmittelbar im Anschluß an den Einsetzungsbericht
spricht der Priester die Worte:
„Darum, gütiger Vater, feiern wir
das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung Deines Sohnes."

Und dies Feiern ist mehr als bloß historische Erinnerung.
In dieser Feier ist das gesamte österliche Geschehen
hier in unserer Mitte gegenwärtig!
Wir feiern heute schon und immer wieder
das Geschehen des Karfreitags und des Ostermorgens
als die eine, immer aufs neue gegenwärtige österliche Wirklichkeit.

In diese österliche Wirklichkeit ist auch
die „Fußwaschung" des Gründonnerstages einbezogen.
Auch sie ist ein sakramentales, also ein symbolisches Geschehen,
das die Liebe Jesu Christi und Seinen Dienst an den anderen
real präsent macht.
Und wir sind da mit hineingenommen!
Wie wir durch die Teilnahme an Seinem Mahl
real hineingenommen sind in das österliche Geschehen,
so sind wir auch hineingenommen
in die Liebe und in den Dienst Jesu Christi.
Und das geht gar nicht anders als dadurch,
daß wir diese Liebe, diesen Dienst und diese Hingabe
auch in unserem Alltag leben -
wo auch immer wir Menschen begegnen.

Es hängt also nicht zuletzt von uns ab,
daß sich an jedem Tag, auch und gerade im Alltag
Ostern ereignet,
und daß Ostern erfahrbar wird
auch für die Menschen unserer Umgebung.

Amen.