Predigt zum Fest Kreuzerhöhung
am 14. September 2014
Lesung:  Phil. 2, 6 - 11
Evangelium: Joh. 3, 13 - 17
Autor: P.Heribert Graab
Seit jener dunklen Stunde auf Golgotha
steht das Kreuz für all die Grausamkeiten,
mit denen Menschen einander zu Tode bringen.
Zu allen Zeiten tun Menschen einander Gewalt an.
Menschen foltern Menschen zu Tode,
sie köpfen, erhängen, erschießen;
sie vergewaltigen, vergasen, und sie kreuzigen bis auf den heutigen Tag.

Für all das steht das Zeichen des Kreuzes.
Von der christlichen Antike angefangen bis heute
versuchen Künstler diese erschreckende Realität
mit ihren Mitteln auszudrücken und zu verarbeiten:
•    Ich denke zum Beispiel an die Passionsbilder
        von Mathis Grünewald oder Jörg Ratgeb im 16. Jahrhundert.
•    Aus unserer Zeit fällt mir etwa der Plötzenseer Totentanz
        von Alfred Hrdlicka ein,
•    oder Passions- und Kreuzbilder von Otto Pankok,
Willi Dirx oder Roland Peter Litzenburger.
•    Auch denke ich an das Große Martyrium von Lovis Corinth,
    oder an das ‚Scandalum crucis‘ von Herbert Falken.

Ganze Litaneien von Namen und Bildern kommen mir in den Sinn
zur erschütternden Realität von Leid, Tod und Kreuz
im Gegeneinander von Menschen und Völkern.
Über all das und auch über die Bilder kann man
mit nichtgläubigen oder andersgläubigen Menschen
durchaus sehr ernsthafte Gespräche führen.
In einem solchen Gespräch werden sich ganz ähnliche
Empfindungen, Einschätzungen und Konsequenzen ergeben.
Sehr, sehr schwierig wird das jedoch,
wenn ich auf das Kreuz als ein Zeichen des Lebens,
als ein österliches Zeichen unseres christlichen Glaubens
zu sprechen komme.

Eine Jüdin sagte mir sinngemäß vor einiger Zeit:
„Dieser grausam Gekreuzigte -
ausgerechnet der soll der verheißene Messias sein?!
Der, der uns von all dem Elend, von all der Gewalt befreien soll,
wird selbst zum Opfer und geht elendiglich am Kreuz zugrunde?!
Ich kann es nicht ertragen,
diesen Gekreuzigten in jeder christlichen Kirche ansehen zu müssen.“

Nun feiert die Kirche heute auch noch
die ‚Erhöhung‘ dieses Kreuzes als ein Fest!
Dabei geht’s ja nicht nur um die Auffindung des Kreuzes
durch den oströmischen Kaiser Konstantin
und darum, daß dieser Kaiser
das Kreuz als ein Siegeszeichen aufrichten ließ.
Es geht vielmehr um jene ‚Erhöhung des Kreuzes‘,
die wir an jedem Karfreitag in der Liturgie zelebrieren:
„Seht das Holz des Kreuzes,
an dem das Heil der Welt gehangen.
Kommt, lasset uns anbeten.“

Es geht also darum, daß wir als gläubige Christen
den Karfreitag und damit das Kreuz
nur im strahlenden Licht des Ostermorgens
sehen und verstehen können.
Nur ein österlicher Glaube kann nachvollziehen,
daß christliche Kunst den Auferstandenen
ausgerechnet mit der Kreuzesfahne
als Siegeszeichen über alle Mächte des Todes darstellt.
Nur von Ostern her wird verständlich,
warum das Kreuz immer wieder als Baum des Lebens gestaltet wird.
Nur ein österlicher Glaube kann erklären,
wie es zu den goldenen und edelsteingeschmückten
Triumph- und Freudenkreuzen des Mittelalters kommen konnte.

Nun tun sich viele auch von uns
mit diesem österlichen Auferstehungsglauben schwer.
Und doch fällt der ganze christliche Glaube letztlich in sich zusammen,
wenn ihm dieses Herzstück des Osterglaubens genommen wird.
Vielleicht ist es wirklich ein Wagnis und erfordert Mut,
gerade in unserer säkularisierten Zeit unser Leben
auf das Vertrauen in den Sieg des Lebens über den Tod zu gründen
und damit auf das Vertrauen in den ‚Gott des Lebens‘.
Aber letztlich kann nur dieses ‚Wagnis des Vertrauens‘
ein Gegengewicht gegen all die Ängste dieser Zeit sein,
und eben auch gegen unsere eigenen Ängste.
Nur dieses ‚Wagnis des Vertrauens‘ kann daher auch
der tiefste Grund einer Lebensfreude sein,
die auch in schweren und dunklen Zeiten trägt.
Ich glaube, unsere Mitmenschen brauchen von uns nichts dringender
als jene ansteckende Freude,
die aus einem österlichen Glauben entspringt.

Allerdings wird diese österliche Freude
nur dann wirklich glaubhaft und auch ansteckend sein,
wenn sie auch unser alltägliches Leben und Handeln bestimmt:
Konkret, wenn wir in all unserem Reden und Tun
dem Leben dienen -
also dazu beitragen, daß Leben wachsen kann,
und daß Leben für möglichst viele Menschen lebenswerter wird.

Wie das gehen kann,
erfahren wir, indem wir auf das Leben Jesu schauen.
Denn dieser Jesus von Nazareth
besiegt nicht erst an Ostern die Mächte des Todes,
sondern bereits durch sein ganzes irdisches Leben:
durch Seine Botschaft, durch Sein Zugehen auf Menschen
und gerade auf diejenigen, die vom konkreten Leben benachteiligt sind.
Glaubhafte und überzeugende Nachfolge Jesu
wird ganz von selbst zu einer Art ‚Kreuzerhöhung‘
und zum Zeugnis der Osterbotschaft.

Amen.