| Predigt zu
"Mariä Himmelfahrt" 15. August 2006 |
| Lesung: Offb. 11, 19a; 12, 1-6a.10ab Evangelium: Lk 1, 39-56 Autor: P. Heribert Graab S.J. |
| Im Christentum steckt so etwas wie ein Virus, der in der Geschichte des Glaubens bis auf den heutigen Tag immer wieder zu Krankheitsschüben führte. Dieser Virus heißt „Dualismus". Es würde zu weit führen, von allen Bereichen des Glaubens zu sprechen, die dieser Virus befallen kann. Heute, am Fest Mariä Himmelfahrt, geht es vor allem um das christliche Menschenbild, das immer wieder betroffen ist durch den Leib-Seele-Dualismus. Zunächst ein kurzer Seitenblick auf die Frage, wie dieser Virus, der doch der biblischen Tradition weitgehend fremd ist, in den Organismus christlichen Glaubens hineinkommt? Er hat in der Theologiegeschichte vor allem eine Quelle: Die Begegnung des Christentums mit dem Hellenismus und mit der hellenistischen Philosophie des Neuplatonismus. Ganz im Unterschied zum biblischen Menschenbild, das den Menschen ganzheitlich sieht, dividiert der Neuplatonismus die Einheit des Menschen auseinander in zwei verschiedene, ja sogar einander feindliche Wesenheiten: in Leib und Seele. Die Seele ist sozusagen der Steuermann im Boot des Leibes, empfindet aber diese Rolle als eine Last, von der sie sich befreien möchte. Der Leib ist nach diesem Verständnis das widerspenstige Prinzip, das ganz und gar dem Materiellen verhaftet ist. Die Seele dagegen ist das geistige, ja sogar göttliche Prinzip, das in die Materie wie in ein Gefängnis eingesperrt ist und nur darauf hofft, befreit zu werden. Diese dualistische Sichtweise des Menschen gründet vielfach in einem noch tiefer reichendem Dualismus von Materie und Geist, in dem alles Materielle Ausfluß des Bösen, der Geist dagegen die Manifestation des Guten ist. Diese radikale Form des Dualismus hat in das Christentum vor allem Eingang gefunden durch den Manichäismus, mit dem sich die Kirche auf etlichen Konzilien rumgeschlagen hat. Dieser Dualismus hat jedoch noch lange und sogar bis in unsere Tage hinein nachgewirkt - z.B. durch die Verteufelung alles Leiblichen und zumal der Sexualität. Auch unsere Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod sind von diesem Leib-Seele-Dualismus mitgeprägt. Wir haben in der Kirche lange davon gesprochen, daß die unsterbliche Seele nach dem Tode weiterlebe, während der Leib vergehe. Aus dieser Vorstellung resultiert dann auch die Notwendigkeit, von einem Zwischenstadium zu sprechen, in dem sich die Seele befinde bis sie am Tag des Jüngsten Gerichtes mit dem Leib wieder vereinigt werde. Diese Fragen rund um den Tod sind bis heute in der Kirche nicht definitiv geklärt. Wohl sprechen unsere Theologen heute eher selten von der Unsterblichkeit der Seele, sondern vielmehr von der Auferstehung des Menschen, also von einer Verwandlung des ganzen Menschen im Tod. Das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel ist - wenn Sie so wollen - so etwas wie eine Medizin gegen den Virus des Dualismus. Mit diesem Fest bekennt sich die Kirche zu einem ganzheitlichen Bild vom Menschen. Sie bekennt sich dazu, daß der ganze Mensch mit Leib und Seele von Gott geliebt und durch Jesus Christus erlöst ist. Sie bekennt sich dazu, daß der Mensch auch in seiner leiblichen Dimension nicht nur erlösungsbedürftig, sondern erlösungswürdig ist, daß also auch vom materiellen Bereich dieser Welt und des Menschenlebens gilt, was die Schöpfungsgeschichte nicht müde wird, immer und immer wieder zu betonen: „Und Gott sah, daß es gut war". Dementsprechend haben die Lesungen des heutigen Festtages nicht nur das zukünftige Heil des Menschen vor Augen und schon gar nicht das individuelle „Seelenheil". Es geht vielmehr um Heil und Vollendung des ganzen Menschen mit Leib und Seele - und das nicht nur im „Jenseits", sondern auch schon hier und jetzt. In der Offenbarung des Johannes steht die Frau zunächst und vor allem für das Gottesvolk, konkret für eine durch den römischen Imperialismus bis aufs Blut verfolgte und gepeinigte christliche Minderheit. Das Zeichen der Frau ist ein Siegeszeichen über die Macht des siebenköpfigen Drachen (Rom). Die Gemeinde des Sehers Johannes schöpft daraus Hoffnung auf eine neue Welt, einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der mörderische Drache, die zerstörerische Weltordnung wird besiegt werden - und damit wird auch alles Leid ein Ende haben, werden alle Tränen getrocknet werden. Die Weltsicht christlicher Apokalyptik ermutigt zum Widerstand gegen das Böse. Und Maria selbst wird im Evangelium ein Lied der Befreiung in den Mund gelegt, ein Lied des Aufstandes und des Widerstandes gegen ungerechte und unterdrückende Gesellschaftsverhältnisse. Maria wird zum Hoffnungsbild für alle, die unerträgliche Umstände im persönlichen und politischen Leben nicht länger passiv hinnehmen wollen. Das Magnificat der Maria gibt vielen Menschen auch heute Kraft zur Hoffnung, daß die Kleinen ihre Situation verändern können. Das Magnificat motiviert zum Handeln hier und heute. Der Kampf läßt sich gewinnen, weil Gott selbst auf der Seite der Benachteiligten steht. Über Jahrtausende singen Menschen dieses Lied und wenden sich an Maria im Vertrauen darauf, daß sie in der Überwindung von Leid und Ungerechtigkeit hilfreich ist. Und auch wir werden heute ermutigt, nachhaltig an dem Vertrauen festzuhalten, daß uns durch die Erlösungstat Jesu Christi neues Leben geschenkt ist: • neues Leben für den ganzen Menschen mit Leib und Seele, • neues Leben in der individuellen Dimension ebenso wie in der sozialen und gesellschaftlichen Dimension, • neues Leben hier in dieser Welt und in der zukünftigen. Amen. |